Traum
Karl Kraus · 1874–1936
80 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1920
Stunden gibt es, womich der eigne Schrittübereilt und nimmtmeine Seele mit.
Könnt’ ich halten sie,würd’ ich selig sein.Ach, zuweilen glänztin den Tag der Schein.
Weiß dann, wie es war,seh’ ein lichtes Land,eh’ ich in die Zeitwurde umgewandt.
Staunend stand ich daund ein Bergbach rinntund das ganze Talwar mir wohlgesinnt.
Und der Wind befiehlt,damit leichtbeschwingtalles in der Luftheute mir gelingt.
Habe jedes Glückschon im Flug ereilt.Alles ist Geschlecht,wir sind ungeteilt.
Alles, er und sieund ein jeglich Dingmir in dieser Nachtan die Sinne ging.
Wie sie vollends mich,wie sie sich vergaß,und mein Todfeind achihr zur Seite saß —
unvergeßlich Bildunverlorner Spurvon der Übermachtschwacher Weibnatur!
Elfenbeine sinds:sagt ins Ohr der Traum,und die ganze Weltist ein Zwischenraum.
Sie verduftet mirdurch die Sphären hin,immer ist es so,wie wenn Pappeln blühn.
Wie dein Stern zerbrach,weiß nicht, wie’s geschah.Deiner Erde dochbleib’ ich ewig nah.
Immer heißer wird’smir auf dieser Bahn,viele Pforten sindschon mir aufgetan.
Eh mir noch verläuftdieser Lebenslauf,ruf’ ich was es gabmir zum Zeugen auf.
Alles wird Gesicht,jedes Ding ein Mund.Welche bunte Welt!Plötzlich spricht ein Hund.
Grundlos leben wir,reichen bis zum Mond.Einer zeigt mein Grab,das noch unbewohnt.
Einer führt ein Buchund trägt Sünden ein —alle retten sich,alle trinken Wein.
Eine Glocke schrillt,daß die Decke birst.Wenn du heute nurnicht gerufen wirst!
Schon betäubt der Tagdas verlorne Ohr;noch umfängt den Blickjener grüne Flor.
Wär’ mein Tag vorbei!Wieder umgewandtkehrt’ ich aus der Zeitin das lichte Land!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ausgewählte Gedichte, S. 82-85, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Traum (Kraus)“, Fassung 1.104.061 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.