Vor dem Einschlafen
Karl Kraus · 1874–1936
40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1920
Wovor ist mir denn bang?Was soll mir denn geschehen?Ich werde Neues sehen.Und bis dahin ist’s lang.
Was das nur heute ist.Es kommt doch immer näher.Entging’ ich doch dem Späher!Täuscht’ ich ihn nur mit List!
Oh das verlorne Glück!O stände doch die Stunde!O ging’ es in der Rundezum Anfang doch zurück!
Nehmt alle Uhren fort!Die Zeit klopft mir im Herzen.Wie flackern schon die Kerzen.Wie dunkel wird der Ort.
O gäb’s doch Aufenthalt!Geheimnis, brich dein Siegel.Zerbrecht mir dort den Spiegel!Ich trotze der Gewalt!
Schlaf, rett mich vor dem Tod.Laß mich vom Leben borgen.Bring wieder mir den Morgen.Beende diese Not.
Hier neigt sich mir ein Bild,und durch ein weises Waltenverwandeln sich Gestalten,es fließt um mich so mild.
Dies alles war einmal.Jetzt wird die Last mir linder.Wir waren einmal Kinder.Ich sinke in mein Tal.
Schon weicht mir das Gesicht.Es kommen die Gesichter.Verlösch’ ich noch die Lichter,so wird es wieder licht.
Nun fühle ich schon Mut.Es schwindet das Bewußtsein.Ah, es wird eine Lust sein.Nun wird mir wieder gut.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ausgewählte Gedichte, S. 37-39, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Vor dem Einschlafen (Kraus)“, Fassung 1.228.844 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.
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