Unter dem Wasserfall
Karl Kraus · 1874–1936
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1920
Wer vor mir ließ von diesem Wasserfall,von dieser Sonne sich begnaden!Wer vor mir stand, das Haupt im All,stolz an der Ewigkeit Gestaden!
Von Gott bin ich hier eingeladen,so hoch in Gunst wie jedes Tier,und hier ist niemand außer mir,hier will ich frei von mir mich baden!
Was ich mir selbst schuf, nahm mich selbst nicht auf,und Wort und Weib, sie wiesen nach den Schattenund alles Leben wurde ein Ermatten,zurück in mich lief meiner Welten Lauf.
Nun bin ich zu den Wundern heimgegangenund auf der Gotteswelt allein.Hier dieser Sonnenstrahl ist mein.Wie hat die Schöpfung festlich mich empfangen!
Lust ohne Leiden, Liebe ohne Last,Naturdrang ohne Scham und Schranken —ich bin an Gottes goldnem Tisch zu Gastund hab’ mir nichts mehr zu verdanken!
Weit hinter mir ist alles Weh und Wanken.Wie hat der Wasserfall Bestand!Wie segnet dieses Sonnenlandvor meiner Nacht mir die Gedanken!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ausgewählte Gedichte, S. 88, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Unter dem Wasserfall (Kraus)“, Fassung 1.228.631 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.