Verlöbnis
Karl Kraus · 1874–1936
36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1920
Unendliche, laß dich unsterblich ermessenund es sei mir dein Fühlen bewußt.Meines entschwand mir zu höllischer Lust.Denn der Gedanke bricht ins Vergessen.
Wie dein Gefühl auf steilenden Stufenimmer verweilend den Himmel erzielt —wissend, hab’ ich es nachgefühlt,und ich will es ins Ohr dir rufen!
Laß es mich denken, wie einer ermattetan deiner Kraft, in dein schwellendes Allbegehrte der irdische Einzelfall,der das ewige Licht beschattet.
Und die zufriedene Gier läßt die Lügedort zurück, wo die Lust verthan.Und er sah dein Gesicht nicht an,als sich dir heimlich verklärten die Züge.
Ach, den Verlust am liebenden Lebenhast du ihm, sehnende Nymphe, vertraut.Aber die Stunde hört nicht den Laut,wenn vom Leid die Äonen beben.
Und seine Armut flieht von dem Feste,daß sie nicht an der Fülle vergeh’.Weibsein beruht in Wonne und Weh.Mann zu sein rettet er seine Reste.
Fällt auch die heilige Welt zusammenin dem unseligen Unterschied —ich setze fort dein verlassenes Lied!Ich will entstehen aus deinen Flammen!
Was immer dir fehle, von dir empfangend,schöpfend aus deinem lebendigen Quell,so wird dem Teufel der Himmel hell,immer doch deine Lust verlangend!
Muß sich der Geist in dir versenken,reißt ihn aus der Höh’ keine irdische Macht.Verbuhlen wir so diese Lebensnacht!Unsterblich küssen, unendlich denken!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ausgewählte Gedichte, S. 46–48, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Verlöbnis (Kraus)“, Fassung 2.223.209 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.
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