Rückkehr in die Zeit
Karl Kraus · 1874–1936
30 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1920
Mein Zeiger ist zurückgewendet,nie ist Gewesnes mir vollendetund anders steh’ ich in der Zeit.In welche Zukunft ich auch schweifeund was ich immer erst ergreife,es wird mir zur Vergangenheit.
Und allem, was an Schmach und Schöneals Bilder ich bewahr’ und Töne,dem bin ich ewig untertan.Ich sitze bei der Schicksalsspinneund was sie immer mir beginne,ich seh’ es mir von außen an.
Bin meines Werdegangs Behälterund schaue alle Jüngern älterund fühle in den Tod mich jung.Und ich entwirre das Gewebeund was ich immer noch erlebe,erleb’ ich als Erinnerung.
Ich bin mein treuester Begleiterund lebe das Gelebte weiter,und Neues kann mir nicht geschehn.Von einem Urbild war gesegnet,was mir zum erstenmal begegnet,und ist mir wie ein Wiedersehn.
Bei einem nie gehörten Klangewird mir nach meiner Vorzeit bange,wird Niegesehnes nahe sein.Und wenn ich einmal auf der Bahrein unbekannte Länder fahre,dann tret’ ich in das Leben ein.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ausgewählte Gedichte, S. 73–74, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Rückkehr in die Zeit (Kraus)“, Fassung 2.308.363 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.
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