Rosenkranzlieder
Georg Trakl · 1887–1914
27 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1913
AN DIE SCHWESTERWo du gehst wird Herbst und Abend,Blaues Wild, das unter Bäumen tönt,Einsamer Weiher am Abend.
Leise der Flug der Vögel tönt,Die Schwermut über deinen Augenbogen.Dein schmales Lächeln tönt.
Gott hat deine Lider verbogen.Sterne suchen nachts, Karfreitagskind,Deinen Stirnenbogen.
NÄHE DES TODESO der Abend, der in die finsteren Dörfer der Kindheit geht.Der Weiher unter den WeidenFüllt sich mit den verpesteten Seufzern der Schwermut.
O der Wald, der leise die braunen Augen senkt,Da aus des Einsamen knöchernen HändenDer Purpur seiner verzückten Tage hinsinkt.
O die Nähe des Todes. Laß uns beten.In dieser Nacht lösen auf lauen KissenVergilbt von Weihrauch sich der Liebenden schmächtige Glieder.
AMENVerwestes gleitend durch die morsche Stube;Schatten an gelben Tapeten; in dunklen Spiegeln wölbtSich unserer Hände elfenbeinerne Traurigkeit.
Braune Perlen rinnen durch die erstorbenen Finger.In der StilleTun sich eines Engels blaue Mohnaugen auf.
Blau ist auch der Abend;Die Stunde unseres Absterbens, Azraels Schatten,Der ein braunes Gärtchen verdunkelt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 49–50, 1. Auflage, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1913
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Rosenkranzlieder“, Fassung 2.555.707 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Trakl starb 1914; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1984 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118623575 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.