Ich habe einen Blick gesehn
Karl Kraus · 1874–1936
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1920
Ich habe einen Blick gesehn und werdean meinem letzten Tag ihm nicht entgehn.Erbebt nicht diese schuldbeladne Erde,seitdem ich diesen Blick gesehn?
An einer Lastenstraße, staubgeboren,im Frühjahr allzu kümmerlich erblüht,steht ein Gesträuch, in eine Welt verloren,für die sich Gott vergebens müht.
Und vor dem Strauch ist eine Frau gestanden,und ich stand auch und sah nur ihren Blick.Wie wurde mir! Wie hielt mit heiligen Bandenallhier ein Wunder mich zurück.
Der Blick, so arm, aus blassem Angesichte,verlebt, verdorrt von Marter, Mangel, Mühn —da wird vor so viel irdischem Verzichtedie ganze Welt auf einmal grün!
Was immer ihr das Leben vorenthalten,seit sie das Schicksal in das Dunkel wies:nun ist es da und vor dem Blick der Altenwird das Gestrüpp zum Paradies.
Kein Gärtner hütet zärtlicher die Reiserals diese Abendsonne dieses Blicks.Kein Himmelsstern grüßt gnädiger und weiserdie Fülle abgewandten Glücks.
Ich habe einen Blick gesehn und werdean meinem letzten Tag ihm nicht entgehn.Erbebt nicht diese schuldbeladne Erde,seitdem ich diesen Blick gesehn?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ausgewählte Gedichte, S. 52-53, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ich habe einen Blick gesehn (Kraus)“, Fassung 1.103.350 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.
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