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Versbuch

Menschliches Elend

Georg Trakl · 18871914

24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1913

Die Uhr, die vor der Sonne fünfe schlägt –Einsame Menschen packt ein dunkles Grausen,Im Abendgarten kahle Bäume sausen.Des Toten Antlitz sich am Fenster regt.

Vielleicht, daß diese Stunde stille steht.Vor trüben Augen blaue Bilder gaukelnIm Takt der Schiffe, die am Flusse schaukeln.Am Kai ein Schwesternzug vorüberweht.

Im Hasel spielen Mädchen blaß und blind,Wie Liebende, die sich im Schlaf umschlingen.Vielleicht, daß um ein Aas dort Fliegen singen,Vielleicht auch weint im Mutterschoß ein Kind.

Aus Händen sinken Astern blau und rot,Des Jünglings Mund entgleitet fremd und weise;Und Lider flattern angstverwirrt und leise;Durch Fieberschwärze weht ein Duft von Brot.

Es scheint, man hört auch gräßliches Geschrei;Gebeine durch verfallne Mauern schimmern.Ein böses Herz lacht laut in schönen Zimmern;An einem Träumer läuft ein Hund vorbei.

Ein leerer Sarg im Dunkel sich verliert.Dem Mörder will ein Raum sich bleich erhellen,Indes Laternen nachts im Sturm zerschellen.Des Edlen weiße Schläfe Lorbeer ziert.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 54, 1. Auflage, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1913
Digitalisat
de.wikisource.org — „Menschliches Elend“, Fassung 2.555.700 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Trakl starb 1914; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1984 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118623575 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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