Magie
Karl Kraus · 1874–1936
28 Zeilen · zuerst gedruckt 1920
Wie alles zudrängt, daß es sich mir binde!Wie sucht mich alles, daß ich eines finde!Vorschwebend Form, sie hängt mir wie ein Netz:nun strömt es ein nach bindendem Gesetzund setzt sich an, und alles Vorgefundnewird, was es immer war: das mir Verbundne.Ist dies ein Stück noch von der Außenwelt?Steht es vor mir, weil ich es vorgestellt?Ich und die Welt, wir hängen an der Kette,ich und die Zeit, wir laufen um die Wette.Vorbei an Worten, die zu schlafen schienen;ein totes Wort hat sonderbare Mienen.Füllt sich der Raum mit Leichen und mit Larven,schon reimen irgendwo im Traum die Harfen.Nun schafft in den Kontur sich ein Gesichtund in den fernen Tonfall ein Gedicht.Da mischen sich die Stimmen mir zu Haufund jeder Blick reißt mir das Denken auf,das wahllos sich ergibt und ohne Schrankenendloser Lust nie fertiger Gedanken,und büß’ in Zweifel ich und Ungedulddie eigne Lust, so büß’ ich fremde Schuld.Unendlich Hasten, Tasten, Rühren, Spürenund durch die Dinge in mich selber Führen!Unendlich Langen, Hangen, Bangen, Fangen,durch mich hindurch zum Urbild zu gelangen!Und sollt’ ich auf der Strecke auch erbleichen:ich kann es nicht, doch muß ich es erreichen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ausgewählte Gedichte, S. 81, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Magie (Kraus)“, Fassung 1.103.790 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.