Grabschrift für ein Hündchen
Karl Kraus · 1874–1936
15 Zeilen · zuerst gedruckt 1920
Ein kleiner Hund mit langem Haar, den ich persönlich kannte,er lachte, wenn man zu ihm sprach, er weinte, weil er stumm war,sein Blick war Dank der Kreatur, für sich und für die andern.Da kam ein Wagen ohne Pferd und tötete das Hündchen.Wer hatte es so eilig, ach, wer hatte es so eilig.Wie wenig Raum hat der Passant für sich gebraucht im Leben.Wie eine Schlange konnte er, wenn du ihm pfiffst, erscheinen.Wer füllt die schmale Stelle aus? Unwürdige sind am Leben,sie brauchen mehr und dennoch bleibt der Würdige unersetzlich.Und auch sein Beispiel bessert nicht, sein Opfer nicht die andern,die immer allzu übrig sind. Der dort ging seines Wegesund starb daran. Die kleine Frau, sie sah sich um und rief ihn,sie rief und rief und sah ihn nicht, da lag er in der Sonne.So wenig Stelle nahm er ein. Und so viel Stille bleibet,wo Leben keine Worte hat.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ausgewählte Gedichte, S. 54, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Grabschrift für ein Hündchen (Kraus)“, Fassung 1.097.730 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.