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Versbuch

Ilmenau

Johann Wolfgang von Goethe · 17491832

193 Zeilen in 23 Strophen · zuerst gedruckt off

am 3. September 1783.

Anmuthig Thal! du immergrüner Hain!Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste;Entfaltet mir die schwerbehangnen Äste,Nehmt freundlich mich in eure Schatten ein,Erquickt von euren Höhn, am Tag der Lieb’ und Lust,Mit frischer Luft und Balsam meine Brust!

Wie kehrt’ ich oft mit wechselndem Geschicke,Erhabner Berg! an deinen Fuß zurücke.O laß mich heut an deinen sachten HöhnEin jugendlich, ein neues Eden sehn!Ich hab’ es wohl auch mit um euch verdienet:Ich sorge still, indeß ihr ruhig grünet.

Laßt mich vergessen, daß auch hier die WeltSo manch Geschöpf in Erdefesseln hält,Der Landmann leichtem Sand den Samen anvertrautUnd seinen Kohl dem frechen Wilde baut,Der Knappe karges Brot in Klüften sucht,Der Köhler zittert, wenn der Jäger flucht.Verjüngt euch mir, wie ihr es oft gethan,Als fing’ ich heut ein neues Leben an.

Ihr seid mir hold, ihr gönnt mir diese Träume,Sie schmeicheln mir und locken alte Reime.Mir wieder selbst, von allen Menschen fern,Wie bad’ ich mich in euren Düften gern!Melodisch rauscht die hohe Tanne wieder,Melodisch eilt der Wasserfall hernieder;Die Wolke sinkt, der Nebel drückt in’s Thal,Und es ist Nacht und Dämmrung auf einmal.

Im finstern Wald, bei’m Liebesblick der Sterne,Wo ist mein Pfad, den sorglos ich verlor?Welch seltne Stimmen hör’ ich in der Ferne?Sie schallen wechselnd an dem Fels empor.Ich eile sacht zu sehn, was es bedeutet,Wie von des Hirsches Ruf der Jäger still geleitet.

Wo bin ich? ist’s ein Zaubermährchen-Land?Welch nächtliches Gelag am Fuß der Felsenwand?Bei kleinen Hütten, dicht mit Reis bedecket,Seh’ ich sie froh an’s Feuer hingestrecket.Es dringt der Glanz hoch durch den Fichten-Saal;Am niedern Herde kocht ein rohes Mahl;Sie scherzen laut, indessen bald geleeretDie Flasche frisch im Kreise wiederkehret.

Sagt, wem vergleich’ ich diese muntre Schaar?Von wannen kommt sie? um wohin zu ziehen?Wie ist an ihr doch alles wunderbar!Soll ich sie grüßen? soll ich vor ihr fliehen?Ist es der Jäger wildes Geisterheer?Sind’s Gnomen, die hier Zauberkünste treiben?Ich seh’ im Busch der kleinen Feuer mehr;

Es schaudert mich, ich wage kaum zu bleiben.Ist’s der Ägyptier verdächtiger Aufenthalt?Ist es ein flüchtiger Fürst wie im Ardenner-Wald?Soll ich Verirrter hier in den verschlungnen GründenDie Geister Shakespeare’s gar verkörpert finden?Ja, der Gedanke führt mich eben recht:Sie sind es selbst, wo nicht ein gleich Geschlecht!Unbändig schwelgt ein Geist in ihrer Mitten,Und durch die Rohheit fühl’ ich edle Sitten.

Wie nennt ihr ihn? Wer ist’s, der dort gebücktNachlässig stark die breiten Schultern drückt?Er sitzt zunächst gelassen an der Flamme,Die markige Gestalt aus altem Heldenstamme.Er saugt begierig am geliebten Rohr,Es steigt der Dampf an seiner Stirn empor.Gutmüthig trocken weiß er Freud’ und LachenIm ganzen Cirkel laut zu machen,Wenn er mit ernstlichem GesichtBarbarisch bunt in fremder Mundart spricht.

Wer ist der andre, der sich niederAn einen Sturz des alten Baumes lehnt,Und seine langen feingestalten GliederEkstatisch faul nach allen Seiten dehnt,Und, ohne daß die Zecher auf ihn hören,Mit Geistesflug sich in die Höhe schwingt,Und von dem Tanz der himmelhohen SphärenEin monotones Lied mit großer Inbrunst singt?

Doch scheinet allen etwas zu gebrechen.Ich höre sie auf einmal leise sprechen,Des Jünglings Ruhe nicht zu unterbrechen,Der dort am Ende, wo das Thal sich schließt,In einer Hütte, leicht gezimmert,Vor der ein letzter Blick des kleinen Feuers schimmert,Vom Wasserfall umrauscht, des milden Schlafs genießt.Mich treibt das Herz nach jener Kluft zu wandern,Ich schleiche still und scheide von den andern.

Sei mir gegrüßt, der hier in später NachtGedankenvoll an dieser Schwelle wacht!Was sitzest du entfernt von jenen Freuden?Du scheinst mir auf was Wichtiges bedacht.Was ist’s, daß du in Sinnen dich verlierest,Und nicht einmal dein kleines Feuer schürest?

„O frage nicht! denn ich bin nicht bereit,Des Fremden Neugier leicht zu stillen;Sogar verbitt’ ich deinen guten Willen;Hier ist zu schweigen und zu leiden Zeit.Ich bin dir nicht im Stande selbst zu sagenWoher ich sei, wer mich hierher gesandt;Von fremden Zonen bin ich her verschlagenUnd durch die Freundschaft festgebannt.

Wer kennt sich selbst? wer weiß was er vermag?Hat nie der Muthige Verwegnes unternommen?Und was du thust, sagt erst der andre Tag,War es zum Schaden oder Frommen.Ließ nicht Prometheus selbst die reine HimmelsgluthAuf frischen Thon vergötternd niederfließen?Und konnt’ er mehr als irdisch BlutDurch die belebten Adern gießen?Ich brachte reines Feuer vom Altar;Was ich entzündet, ist nicht reine Flamme.Der Sturm vermehrt die Gluth und die Gefahr,Ich schwanke nicht, indem ich mich verdamme.

Und wenn ich unklug Muth und Freiheit sangUnd Redlichkeit und Freiheit sonder Zwang,Stolz auf sich selbst und herzliches Behagen,Erwarb ich mir der Menschen schöne Gunst:Doch ach! ein Gott versagte mir die Kunst,Die arme Kunst, mich künstlich zu betragen.Nun sitz’ ich hier zugleich erhoben und gedrückt,Unschuldig und gestraft, und schuldig und beglückt.

Doch rede sacht! denn unter diesem DachRuht all mein Wohl und all mein Ungemach:Ein edles Herz, vom Wege der NaturDurch enges Schicksal abgeleitet,Das, ahnungsvoll, nun auf der rechten SpurBald mit sich selbst und bald mit Zauberschatten streitet,Und was ihm das Geschick durch die Geburt geschenktMit Müh und Schweiß erst zu erringen denkt.Kein liebevolles Wort kann seinen Geist enthüllenUnd kein Gesang die hohen Wogen stillen.

Wer kann der Raupe, die am Zweige kriecht,Von ihrem künft’gen Futter sprechen?Und wer der Puppe, die am Boden liegt,Die zarte Schale helfen durchzubrechen?Es kommt die Zeit, sie drängt sich selber losUnd eilt auf Fittigen der Rose in den Schoos.Gewiß, ihm geben auch die JahreDie rechte Richtung seiner Kraft.Noch ist bei tiefer Neigung für das WahreIhm Irrthum eine Leidenschaft.Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;Der Unfall lauert an der SeiteUnd stürzt ihn in den Arm der Qual.Dann treibt die schmerzlich überspannte RegungGewaltsam ihn bald da bald dort hinaus,Und von unmuthiger BewegungRuht er unmuthig wieder aus.Und düster wild an heitern Tagen,Unbändig ohne froh zu sein,Schläft er, an Seel’ und Leib verwundet und zerschlagen,Auf einem harten Lager ein:Indessen ich hier still und athmend kaumDie Augen zu den freien Sternen kehre,Und, halb erwacht und halb im schweren Traum,Mich kaum des schweren Traums erwehre.“

Verschwinde Traum!

Wie dank’ ich, Musen, euch!Daß ihr mich heut auf einen Pfad gestellet,Wo auf ein einzig Wort die ganze Gegend gleichZum schönsten Tage sich erhellet;Die Wolke flieht, der Nebel fällt,Die Schatten sind hinweg. Ihr Götter, Preis und Wonne!Es leuchtet mir die wahre Sonne,Es lebt mir eine schönre Welt;Das ängstliche Gesicht ist in die Luft zerronnen,Ein neues Leben ist’s, es ist schon lang begonnen.

Ich sehe hier, wie man nach langer ReiseIm Vaterland sich wieder kennt,Ein ruhig Volk in stillem FleißeBenutzen, was Natur an Gaben ihm gegönnt.Der Faden eilet von dem RockenDes Webers raschem Stuhle zu;Und Seil und Kübel wird in längrer RuhNicht am verbrochnen Schachte stocken;Es wird der Trug entdeckt, die Ordnung kehrt zurück,Es folgt Gedeihn und festes ird’sches Glück.

So mög’, o Fürst, der Winkel deines LandesEin Vorbild deiner Tage sein!Du kennest lang die Pflichten deines StandesUnd schränkest nach und nach die freie Seele ein.Der kann sich manchen Wunsch gewähren,Der kalt sich selbst und seinem Willen lebt;Allein wer andre wohl zu leiten strebt,Muß fähig sein, viel zu entbehren.

So wandle du – der Lohn ist nicht gering –Nicht schwankend hin, wie jener Sämann ging,Daß bald ein Korn, des Zufalls leichtes Spiel,Hier auf den Weg, dort zwischen Dornen fiel;Nein! streue klug wie reich, mit männlich stäter Hand,Den Segen aus auf ein geackert Land;Dann laß es ruhn: die Ernte wird erscheinenUnd dich beglücken und die Deinen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Goethes Werke. Hrsg. im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen. 143 Bde. Weimar 1887-1919. Nachdruck München 1987. [nebst] Bd. 144-146: Nachträge und Register zur IV. Abt.: Briefe. Hrsg. von Paul Raabe. Bde. 1-3. München 1990. [Weimarer Ausgabe]., 1.2, S. 141-147, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, off
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ilmenau (1783)“, Fassung 4.916.372 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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