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Versbuch

Der Sänger

Johann Wolfgang von Goethe · 17491832

42 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1827

Was hör’ ich draußen vor dem Thor,Was auf der Brücke schallen?Laß den Gesang vor unserm OhrIm Saale wiederhallen!Der König sprach’s, der Page lief;Der Knabe kam, der König rief:Laßt mir herein den Alten!

Gegrüßet seyd mir, edle Herrn,Gegrüßt ihr, schöne Damen!Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!Wer kennet ihre Namen?Im Saal voll Pracht und HerrlichkeitSchließt, Augen, euch; hier ist nicht Zeit,Sich staunend zu ergetzen.

Der Sänger drückt’ die Augen ein,Und schlug in vollen Tönen;Die Ritter schauten muthig drein,Und in den Schoos die Schönen.Der König, dem das Lied gefiel,Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel,Eine goldne Kette reichen.

Die goldne Kette gib mir nicht,Die Kette gib den Rittern,Vor deren kühnem AngesichtDer Feinde Lanzen splittern;Gib sie dem Kanzler, den du hast,Und laß ihn noch die goldne LastZu andern Lasten tragen.

Ich singe wie der Vogel singt,Der in den Zweigen wohnet;Das Lied, das aus der Kehle dringt,Ist Lohn, der reichlich lohnet.Doch darf ich bitten, bitt’ ich eins:Laß mir den besten Becher WeinsIn purem Golde reichen.

Er setzt’ ihn an, er trank ihn aus:O Trank voll süßer Labe!O wohl dem hochbeglückten Haus,Wo das ist kleine Gabe!Ergeht’s euch wohl, so denkt an mich,Und danket Gott so warm, als ichFür diesen Trunk euch danke.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. Erster Band. Seite 164, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen, 1827
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Sänger (Goethe 1827)“, Fassung 3.441.620 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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