Reklame
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
26 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Ich wollte von gar nichts wissen.Da habe ich eine Reklame erblickt,Die hat mich in die Augen gezwicktUnd ins Gedächtnis gebissen.
Sie predigte mir von früh bis spätLaut öffentlich wie im stillenVon der vorzüglichen QualitätGewisser Bettnässer-Pillen.
Ich sagte; „Mag sein! Doch für mich nicht! Nein, nein!Mein Bett und mein Gewissen sind rein!“
Doch sie lief weiter hinter mir her.Sie folgte mir bis an die Brille.Sie kam mir aus jedem Journal in die QuerUnd säuselte: „Bettnässer-Pille.“
Sie war bald rosa, bald lieblich grün.Sie sprach in Reimen von Dichtern.Sie fuhr in der Trambahn und kletterte kühnNachts auf die Dächer mit Lichtern.
Und weil sie so zähe und künstlerischBlieb, war ich ihr endlich zu Willen.Es liegen auf meinem FrühstückstischNun täglich zwei Bettnässer-Pillen.
Die ißt meine Frau als „Entfettungsbonbon“.Ich habe die Frau belogen.Ein holder Frieden ist in den SalonMeiner Seele eingezogen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 149–150, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Reklame“, Fassung 3.026.828 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.