Ritter Sockenburg
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
24 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Wie du zärtlich deine Wäsche in den WindHängst, liebes KindVis à vis,Diesen Anblick zu genießen,Geh ich, welken Efeu zu begießen.Aber mich bemerkst du nie.
Deine vogelfernen, wundergroßenKinderaugen, ach erkennen sieMeiner Sehnsucht süße Phantasie,Jetzt ein Wind zu sein in deinen Hosen – ?
Kein Gesang, kein Pfeifen kann dich locken.Und die Sehnsucht läßt mir keine Ruh.Ha! Ich hänge Wäsche auf, wie du!Was ich finde. Socken, Herrensocken;Alles andre hat die Waschanstalt.Socken, hohle JunggesellenfüßeWedeln dir im Winde wunde Grüße.Es ist kalt auf dem Balkon, sehr kalt.
Und die Mädchenhöschen wurden trocken,Mit dem Winter kam die Faschingszeit.Aber drüben, am Balkon, verschneit,Eisverhärtet, hingen hundert Socken.
Ihr Besitzer lebte fern im NordenUnd war homosexuell geworden.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 12, 1. Auflage, Ernst Rowohlt, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ritter Sockenburg“, Fassung 3.026.715 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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