Zum Keulenschwingen
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
26 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1923
Die Merowinger sind weit verzweigt.Es lebte ein Merowinger,Den die Geschichte uns leider verschweigt,Ein wackerer Keulenschwinger.
Mit beiden Händen und LeidenschaftSchwang er die Keulen, die schönen.Er schwang sie mit barbarischer KraftUnter leisem teutonischen Stöhnen.
Er teilte die Lüfte und teilte vorbeiMit seiner gewuchtigen Keule.Er schlug seiner Mutter die Backe entzwei,Erschlug seine Kinder und Gäule.
Erschlug mit übernatürlicher KraftDes Königs wieherndes Vollblut.Da wurde er aber fortgeschafftIn eine Zelle für Tollwut.
Man nahm ihm die Keule, er konnte nicht mehrSie schwingen in sausenden Kurven.Die Zelle ward still und nahezu leer,Man hörte nur Schritte schlurfen.
Doch eines Tages dröhnte es dumpf.Der Wächter tät sich beeilen.Da sah er einen niedrigen RumpfMit seinen leibeigenen KeulenDie Wände der Zelle verbeulen.Da fing der Mann an zu heulen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Turngedichte, Kurt Wolff Verlag, München, 1923
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Zum Keulenschwingen“, Fassung 3.779.489 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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