Rechnungsrates verregnete Reise
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
30 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Und wie ich vom Regen begossenDie Wegweiser las,Da lag ein Hemd, wie erschossen,Zum Bleichen im Gras.
Ich dachte: Zweifellos lebenHier Menschen und leben nicht schlecht.Und sah das Hemd und danebenEin Haus. Also hatte ich recht.
Ich wollte mich selber beklagen,Zog bitter mein Los in Vergleich,Doch machte das MißbehagenIm Regen mich weich.
Mann soll sich nichts selber verleiden.Und Mißgunst ist immer wie Rost.Ich gab unter SchwierigkeitenEine Depesche zur nächsten Post:„Erwarte für morgen Montag frühDen Mann mit dem accent aigu.“
Zwar ist es im Grunde ein kleinerUmstand, aber er quält,Daß nun seit Jahren schon meinerSchreibmaschine der Rechtsknüppel fehlt.
Man muß die Natur nur erfassen,Wie immer das Wetter auch sei.Bewußt, den Zug zu verpassen,War ich doch ruhig dabei.
Ich fuhr also heim. Denn, was blieb mirSonst übrig? Man ist nicht Herr seiner Zeit.Meine Stiefnichte schrieb mir:Es habe in Bozen sogar geschneit.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 80–81, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Rechnungsrates verregnete Reise“, Fassung 3.026.816 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.