Alte Winkelmauer
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
31 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Alte Mauer, die ich oft benässe,Weil’s dort dunkel ist.Himmlisches Gefunkel istIn deiner Blässe.
Pilz und FeuchtigkeitenUnd der Wetterschliff der ZeitenGaben deiner HautWogende Gesichter,Die nur ein DichterOder ein KünstlerOder Nureiner schaut.
„Können wir uns wehren?“Fragt’s aus dir mild.Ach, kein Buch, kein BildWird mich so belehren.
Was ich an dir schaute,Etwas davon bliebImmer. Nie vertrauteMauer, dich hab’ ich lieb.
Weil du gar nicht predigst.Weil du nichts erledigst.Weil du gar nicht willst sein.Weil mir deine FleckenAhnungen erwecken.Du, eines Schattens Schein.
Nichts davon wissenDie, die sonst hier pissen,Doch mir winkt es: Komm!Seit ich dich gefunden,Macht mich für SekundenMeine Notdurft an dir fromm.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 8, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Alte Winkelmauer“, Fassung 3.026.704 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.