Wege
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
30 Zeilen in 15 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Der Schwindel barmte laut und bogSich tief, dann dicht, und log und log.
Ein Ehrlicher schlich hinterherUnd hielt sich still und tat sich schwer.
Der Schwindel klebte sich wie Leim,Gab groß, nahm klein und sprach von „Heim“,
Erwarb sich Kenntnis und VertraunUnd steckte sich dann hinter Fraun,
Ward unterstützt, ward fest und steif,Gab klein, nahm groß und fühlte „reif“.
Der Schwindel trotzte unverblühmt.Er ward bekannt. Er ward berühmt.
Er zog nach unten hin Vergleich.Er rückte ab. Er wurde reich.
Der Schwindel fühlte sich und schoß.Wenn einer widersprach, dem goß
Geblufft, bezahlt, MajoritätIns Auge Popularität.
Der Schwindel war geschützt, gemacht,Nur ruhelos bei Tag und Nacht.
Denn er gedachte ohne RuhDes Ehrlichen; doch gab’s nicht zu,
Vernahm und brachte dessen SchrittMit Hohn, dann Wut in Mißkredit.
Der Schwindel, längst gemacht, war satt,Stand überall in jedem Blatt.
Der Ehrliche kam fromm und schwer,Ganz müde, spät, des Wegs daher,
Ging still vorbei und fromm und schwer.Und er erreichte sehr viel mehr.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 75–76, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Wege (Joachim Ringelnatz)“, Fassung 3.026.814 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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