Leipzig
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
22 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1928 (EA 1927)
Die Berge sind so schön, so erhaben! –Aber es gibt hier keine. –Wo hier zwei Menschen sind, ist keiner alleine. –Über manche Leute, die jemand begraben,Lache ich beinahe mich selber zu Tode. –Fast alle Sachsen sind sächsisch. Sie zeigen sogar,Daß die Pariser und die Londoner ModeVor zwei Jahren eigentlich auch sächsisch war.Bei deiner Großmutter bin ich gewesen.
Es tut einem weh:Sie nagelt – die Siebzigjährige – Stiele an Besen,Und trinkt – weil das jetzt am billigsten – Blutreinigungstee.Sie hat eine alte Kommode, wertvolles, frühes Barock.Ich klärte sie auf. Und denke dir:Sie – unabwehrbar – schenkte sie mir,Trug sie persönlich mir heimlich nachts ins Hotel in den dritten Stock.Was nun mit ihr, was mit der Kommode machen?? –
Genug für heute. Ich bin so müde gefragt.Es ist doch billig, über die Sachsen zu lachen.Der müßte selber ein(und würde kein) Sachse sein,Der einmal recht ihre Vorzüge sagt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Reisebriefe eines Artisten, S. 30, 5.–9. Tausend, Ernst Rowohlt, Berlin, 1928 (EA 1927)
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Leipzig (Ringelnatz)“, Fassung 1.103.050 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.