Lied aus einem Berliner Droschkenfenster
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
16 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1924
Auf dem Asphalt das Blut und das verspritzte GehirnVerlaufen in zierlichen Fädchen.Ein Fädchen kann sein aus Seide oder Zwirn.Damit nähen und sticken die Mädchen.
Sie nähen einen Saum, und sie sticken ein „B“In ein seifensteifes Unterhöschen.Im Kielwasser eines Dampfers auf SeeErsäuft ein vertrocknetes Röschen.
Mein Onkel im Rostocker Rathaus erschricktÜber eine sich lösende Tapete.Der hat einmal eine Sternschnuppe erblickt,Die sah aus wie eine Rakete.
Wenn der Gaul sich auf dem Spittelmarkt mal hinlegen will,Na, dann soll man das dem Vieh auch nicht verwehren.Nee, dann trink’ ich meinen Gilka. Und belausche dabei still,Wie die Wanzen sich im Polstersamt vermehren.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Kuttel-Daddeldu, S. 117, Kurt Wolff Verlag, München, 1924
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Lied aus einem Berliner Droschkenfenster“, Fassung 3.778.586 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.