Mißratenen Kindes Lied
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
22 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1928
MISSRATENEN KINDES LIED
Ich weiß im Lande Leute verstreut,Die saufen sich wissend zu Tode;(Saufen sich, hungern sich, härmen – ganz gleich!Sind alle, die ich meine, nicht reich.)
Mein Vater sagte: „Die Leute von heutDie haben so unsinnige Mode.“Ich antwortete: „Ja die Leute – heut – Leut –“
„Ansehnlich unauffällig gemein“Das scheint mir das Ziel der Mode zu sein.
Ich bin von die Leute von heuteEin Antipode der Mode.Ich bin meines Vaters mißratenes Kind.Gestern starb er. Und heuteWeiß ich, daß viele von uns zu TodeSich quälen und trotzen, die ebenso sindWie Vater, Urahne, Großmutter und Kind. –
Da pfeift sich was wie Seemannswind:Sauf zu! Hihi! Sauf zu! Hihi!Ich habe keine Sorgen;Höchstens vielleicht die eine, dieUm die Leute von morgen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 46, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Mißratenen Kindes Lied“, Fassung 3.026.725 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.