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Versbuch

Freiballonfahrt mit Autoverfolgung

Joachim Ringelnatz · 18831934

99 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1929

(1928)

Auf Augsburgs sonntagsbunten Flugplatz lachtDie Sonne. Doch vergeblich brütetSie auf gigantische Dickhäuteriche,Die von Miliz und Polizei bewachtUnd liebevoll von Feuerwehr behütet,Dick aufgeblasen überm Boden schweben,Von Photographen, Pressevolk umgeben.

Doch nicht nur diese wichtigen Leuteriche,Sondern vor allem: viele Autos wartenDarauf, daß jene gasgefüllten Tiere –Ihrer sind viere – pünktlich drei Uhr starten.

Denn es sind Ehrenpreise ausgesetztFür alle Wagenführer, dieAls Erste die Ballons, wenn sieGelandet sind, erwischen.

JetztErhebt ein Wind sich. Unsre Riesen zerrenAn ihren Fesseln wild. Wir, ihre Herren,Klettern in ihre Körbe. – Es schlägt drei. –Gewichte lösen sich. Man läßt uns frei.

Die Menge winkt. Wir steigen munter.Als Blick nicht ausreicht mehr noch Winkehand,Schwing ich mich auf der Gondel RandUnd schleudre meinen Hut hinunter,Der Frau zum Gruß, dem PublikumZum dankbar lauten Gaudium.

Mich kümmerts anfangs nicht, wohinDie Luft uns führt. Im Korbe binIch nur geladener Passagier.Doch Dr. Weltz, der Führer, neben mirUnd Unparteiischer E. Scheuermann,Zwei altbewährte Meisterflieger sehnSich kundig um und zeigen lächelnd dannMir in der Tiefe winzige Chausseen,Auf denen unserer Verfolger WagenBald lauernd halten, bald wild weiterjagen.

Wir müssen vor zwei Stunden niedergehn,Doch dürfen erst nach einer Stunde landen.Acht Säcke Ballast sind vorhanden,Meßapparate, hundert Meter Tau.Die beiden Sachverständigen zeigen,Erklären alles mir genau.

Und unterdessen steigen wir und steigen.Eintausend Meter, zweitausend vierhundert,Fünfhundert – –. Herrlich! Uns umwundertDie Adlerwelt der Überlegenheit.

Herr Scheuermann notiert Ort, Stand und Zeit.

„Schaut! Jener Wald“, sagt unser Führer, „wärDer rechte Platz, sich zu verstecken.Doch leider schiebt die Strömung uns konträr.Wir müssen tiefer!“ – Als ich voller SchreckenAuf ein Gewitter überm Wald weiseSagt Weltz: „Das stört nicht unsre Reise.“Und hängt sich wuchtig an das Gasventil.

Wir sinken rasch, wie wir an Buntpapieren,Die wir auswerfen, deutlich konstatieren.Die Strömung ändert sich; der Wald wird Ziel.

Der Himmel hat sich drohend überzogen.Von den Ballons, die mit uns aufgeflogen,Ist nurmehr einer fern zu sehn.Und wir mit Gas und Spannung angefülltSind plötzlich ganz in Nebel eingehüllt.Drei Männer, die lautlos im Schweigen stehn.O zauberhaftes Indenwolkenschweben!So wie die Märchenengel für die Kinder leben.

Wir lauschen, warten, fallen, – – „Da!“Da schimmert etwas unter uns und nah,Wird klar und klarer – – Grüne Waldesmassen.„Dort in die Tannen!“ – Gas entlassen,Eh der Gewitterwind uns faßt und treibt!

Die Gondel schlägt in Tannenwipfel, bleibtDort hängen wie ein Riesenvogelnest.Sechs Hände krallen im Gezweig sich fest.Ich muß die Wipfel um Verzeihung bitten.Sie haben sicherlich dabei gelitten.

So schweben wir in höchsten NadelzweigenSchaun auf die Uhr und lauschen, lauschen, schweigen.Schon fünf Minuten sind verronnen.Fünf weitre unentdeckt, dann ist’s gewonnen.

Doch: Töff töff töff – – Dann: Eine Stimme schreitVon unten auf: „Hallo! Ergebt euch gütig!“

Wir sind gefaßt. Ich rufe übermütig:„Bedaure sehr, wir sind noch nicht so weit!“Dabei versuchen wir, wie vorgenommen,Zu einem Weiterfluge freizukommen.Aus kleinen Säcken schütten wir in HastAuf die Verfolger all unsren BallastUnd ziehn uns luvwärts gegen Sturm. – –

Zu spät!Gewitter und ein Wolkenbruch entlädtSich. Blitz und Guß und Donner. – Toll! –Und Weltz und Scheuermann, gleich einsichtsvoll,Ergeben sich an die, die uns gefunden.Weltz reißt die Hülle auf. Wir sausen. – Für SekundenHakt unser Korb in Zweigen fest. Und dann –Zehn Meter überm Boden mag es sein –Plumpst er hinunter wie ein harter Stein.

„Seid ihr gesund?“ – „Ja!“ Ich, Weltz, Scheuermann.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Flugzeuggedanken, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1929
Digitalisat
de.wikisource.org — „Freiballonfahrt mit Autoverfolgung“, Fassung 3.778.774 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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