Zum Inhalt springen
Versbuch

Museumsschweigen

Joachim Ringelnatz · 18831934

37 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1929

Wie’s Gedanken gibt,Die durch Stein und Welten gehn,Kann’s geschehn,Daß die Fliege den Ichthyosaurus liebt.

Still ist’s im Museumssaal.

„Lieber Freund, ich liegeFest in Bernstein“, sagt die Fliege,„Bernstein ist ein Mineral.Und ich liebe dich, du Riesenexemplar,Und ich möchte deinetwegenNur noch einmal Eier legen.“

„Bernstein?Kann gern sein“,Sagt das Ichthyosau,„Aber ich bin auch eine Frau,Eine sehr entschlossene sogar.Weil ich noch in dem Momente,Als gewisse ElementeMich erstickten, noch ein Kind halb gebar.“

„Eier oder lebendig – –“,Sagt die Fliege, „Wir wohnenBeide auf der Welt seit MillionenJahren. – Wissen Sie die Zahl noch auswendig?“

„Nicht so ganz genau“,Sagt Frau Ichthyosau,„Aber wollen wir doch nicht sentimentalFlöten oder winseln.Nein, versuchen wir jetzt wieder einmal,Ganz verliebt einander anzublinzeln.“

Da betrat den MuseumssaalDer pensionsberechtigte Museumswärter.Und da blinzelten die beiden nicht.Denn solch WärterTut eben seine PflichtUnd schürft nicht tiefer.Denn Beamtenpflicht ist härterAls Bernstein und Schiefer.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Flugzeuggedanken, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1929
Digitalisat
de.wikisource.org — „Museumsschweigen“, Fassung 3.780.312 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Joachim Ringelnatz

Alle Gedichte von Joachim Ringelnatz ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.