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Versbuch

Freunde, die wir nie erlebten

Joachim Ringelnatz · 18831934

25 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1933

Ihr, die nie ich sah,Nimmer menschlich sehe,Seid mir nun so nah,Wenn ich einsam gehe.

Was ich weiß, nicht wußteÜber euch, hab’ ich’s versäumt?Ich’s verfehlt? –Oder mußteFern vergehn, was ich erträumt? –

Schenkte Gott die Kunst, das WortFerner, Toter nachzulesen.

Ach wie heiß mich das beschlich:Dann und dann und da und dortIst ein Herz wie meins gewesen,Still für sich.

Tröstliches Gefühl: Es dächteSpäter wer so über mich. –Keine aller Erdenmächte,Wär sie noch so übermütig,Kann uns trennen,Die wir Gleiche sind zu nennen.

Denn wir waren nie gesellt,Weil der Gott uns weise, gütigFern vonander aufgestellt,Wissend um die Welt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
103 Gedichte, S. 78–79, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1933
Digitalisat
de.wikisource.org — „Freunde, die wir nie erlebten“, Fassung 3.506.107 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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