Bordell
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
149 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1928
1.Ich sag’ es ja, Mutter: du hast für dich recht,Diese Weiber sind durch und durch schlechtUnd gänzlich verseucht und völlig verkommen.Du hast das von deinen liebenEltern und aus Büchern entnommen,Darin die Wahrheit umschriebenIst, weil man sie richtig und scharfNicht leicht einsehen kann, noch sie drucken darf.
2.Du tu nur nicht so, guter Vater! Ich weißAus Briefen und sonsther sowas über vieleNächte und seltsame Gruppenspiele.Und tausend pro Mädel war damals ein Preis!Ich bin doch kein Kind mehr. Ich meine auch nur:Zehntausend Mark sind schließlich kein Quark.Komm! trinken wir auf die Tante BurUnd auf einen König von Dänemark.
3.Aber, liebe Schwester! Ei ei!Geh, so du magst, wie an Klosetten vorbei.Reizt es dich dennoch, hinzusehen,Warum muß das dann spöttisch geschehen?Denke: Was reizte dich wohl, hinzusehen?Wüßtest du, wie sie dich laut beneiden,Wie sie, getretene Tiere, dort leidenIn dem Gefängnis der Allzufrein,Würdest du trotz der Geschmeide und Seiden,Des offenen Scheins, der blendenden Beine,Trotz der Erfolge ihnen nicht nur verzeihn.Sollst sie weder beachten noch meiden;Laß sie einfach in Ruh.Sie sind gemeine, befleckte Schweine.Nicht so vornehm und rein und welterfahren wie du.
4.Wie bitte? – Ja, Herr, Sie sind hier ganz richtig.Sie scheinen recht stark und sehr sektfroh zu sein,Und wenn Sie viel Geld haben – das wäre wichtig –Fallen – äh kommen Sie dreist herein.Hier können von dreizehn angefangenSie Damen jeden Alters verlangenNebst allen raffinierten GerätenFür Rari-, Abnormi- und Perversitäten.Sie müssen die Kühe nur richtig fassen.Sollten Sie etwas Geschmack besitzen,Ja nicht das merken lassen.Aber mit Ihren Brillanten recht blitzen.Viel Trinkgeld dem Pförtner! Das macht sie vertraun.Viel Sekt und auch Schnäpse! Das macht sie berauscht.Dann dürfen Sie sie bestehlen, verhaun, –Oder wenn ihr die Rollen vertauscht – – –Mehr zu reden, hätte nicht Sinn,Er ist ja schon drin.
5.– Duddeldei oder Daddeldu,So ein echter Vollblutmatrose,Zweimal so breit und so stark wie du.Und sie hat ihm die Klappe von seiner HoseEinfach heruntergefetzt.Und dann ist die dicke Therese gekommenUnd hat ihm den Bambuskorb weggenommenUnd die Schildkröte in den Nachttopf gesetzt. – –Mein alter Freund, ich kann dir sagen:So habe ich lange nicht gelacht. –Und die Alte hat ihn mit ihren BrüstenLinks und rechts um die Ohren geschlagen;Aber der Kerl ist nicht aufgewacht. –Übrigens nimm dich vor der in acht,Die hat solch komischen Ausschlag am Knie. –Und dann – was wollt ich erzählen? Ach ja:Ha ha ha ha!Dann waren zwei stumme Chinesen da,Die haben die freche schwarze Marie –Ha ha ha ha! Ha ha ha ha!
6.Mein Sohn, für diesmal sei dir verziehn.Pfui, solche Gedanken sind schändlich.Es gibt doch Schöneres anzusehnAls diese Freudenhaus-Photographien.Schäme dich! Und nun kannst du gehn.Die Bilder verbrenne ich. Selbstverständlich.Ich bin gewiß kein kleinlicher Spießer,Doch wenn ich dich jemals in einem dieserHäuser treffe und Unzucht treibst,Dann schlage ich dich, daß du liegen bleibst.
7.... wo wir fremd sind, oder verkleidet als Mann. –Daß ich dir, meiner Frau, dergleichenSagen und wagen kann,Ist das nicht ein berauschendes ZeichenFür die Art unsres Liebdich-Liebmich? –Staune dort nicht! Beobachte still.Sei recht gemütlich fidel. Aber gib dichNicht etwa wie eine, die gleich oder mehr sein will.Erst wird dich alles nur widerlich,Natürlich auch billig traurig berühren.Das Sauberste ekelt und flegelt sich,Vergißt sich und rekelt sich liederlich.So fechten sie ums Verführen.Bei eines verwöhnten Bettlers MusikKennt jeder Blick den anderen BlickAls Trick hinter Trick;Tanzt lustig froh ein Riesenpopo;Starrt auf dem Sofa ein Püppchen;Entgleist ein Lied aus behaglichem Leid;Trinkt man; berstet ein Grüppchen,Aus Eifersucht oder NeidZankend um ein begossenes Kleid.Sei gefaßt auf klirrenden Streit.Plötzlich ein heiserer Schrei.Warnend zischelt es nebenbei,Die Postin gegen die Polizei.Ein hastiges Räumen. – Spannung. – Vorbei. –Und durch den Salon streift nach alter RoutineDick und mit heiserer MieneAber unantastbar und strammAus und ein vermittelnd: Madame.Und die aus dem hitzigen DunstPaarweise einig verschwinden;Er wird oben menschlicher findenAußer dem Handwerkszeug ihrer Kunst:Ein bissel heimliche Habseligkeit,Ein Flickchen Reue, ein Ringlein Treue,Viel Aberglauben, auch zackige EhreUnd frisch Umkränztes aus ehrsamer Zeit.Fändest du hinter der träumenden LeereUnter der parfümierten Misere:Harrende VerworrenheitSchamlos offen ergeben. –Wie draußen auf einem Schiff auf dem MeereDreizehn Matrosen unter sich leben.
8.Guten Morgen, mein Schätzchen,Leb wohl! Du bist wie ein KätzchenSo schmiegsam und samtig.Was? Du willst heute kein Geld?Was dir doch einfällt!Tust du’s denn etwa ehrenamtlich?Vielleicht für das Kartenlegen?Sage doch, Liebling, weswegenWillst du kein Geld heute? Nimm es doch hin!Weil ich ein armer Künstler bin?Freilich, wir sind Kollegen.Das nächstemal leg ich dir wieder die Karten.Nun muß ich fort. Meine Frau wird warten.Du weißt doch, daß ich verheiratet bin?Du aber bleibst meine süße kleineFreundin. Und Beine hast du! BeineWie eine Königin.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 47–52, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Bordell“, Fassung 3.026.839 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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