Silvester bei den Kannibalen
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
35 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1931
Am Silvesterabend setzenSich die nackten MenschenfresserUm ein Feuer, und sie wetzenZähneklappernd lange Messer.
Trinken dabei — das schmeckt sehr gut —Bambus-Soda mit Menschenblut.
Dann werden aus einem tiefen SchachtDie eingefangenen Kinder gebrachtUnd kaltgemacht.Das Rückgrat geknickt,Die Knochen zerknackt,Die Schenkel gespickt,Die Lebern zerhackt,Die Bäuchlein gewalzt,Die Bäckchen paniert,Die Zehen gesalztUnd die Äuglein garniert.
Man trinkt eine Runde und noch eine Runde.Und allen läuft das Wasser im MundeZusammen, ausnander und wieder zusammen.Bis über den feierlichen FlammenDie kleinen Kinder mit ZutatenKochen, rösten, schmoren und braten.
Nur dem Häuptling wird eine steinalte FrauZubereitet als Karpfen blau.Riecht beinah wie Borchardt-Küche, Berlin,Nur mehr nach Kokosfett und Palmin.
Dann Höhepunkt: Zeiger der Monduhr weistAuf zwölf. Es entschwindet das alte Jahr.Die Kinder und der Karpfen sind gar.Es wird gespeist.
Und wenn die Kannibalen dann satt sind,Besoffen und überfressen, ganz matt sind,Dann denken sie der geschlachteten KleinenMit Wehmut und fangen dann an zu weinen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Kinder-Verwirr-Buch, Seite 19, 1. Auflage, Berlin, 1931
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Silvester bei den Kannibalen“, Fassung 3.779.485 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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