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Versbuch

Eine Zuschauerin im Flughafen

Joachim Ringelnatz · 18831934

40 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1929

„Nie wieder wird’s Menschen geben,Die so viel erleben,Wie wir, in unsrer gigantischen Zeit!Der Weltkrieg und die ihm folgenden Leiden –Wird keiner auch uns darum beneiden –Haben doch alles, was in der WeltFrüher geschah, in den Schatten gestellt.O unsre Zeit! Und speziell unser Land!“

Der Platzleiter bückte sich, hob galantEin Buch auf, gab’s mit der linken HandDer Dame zurück, nicht mit der rechten.(Er war im Kriege in LuftgefechtenDreimal abgeschossen und rühmlichst bekannt.)

„Danke. – Ach, wie der Gedanke erhebt:Nie wird – Nie hat eine GenerationSoviel Erfindungen neu erlebt.Denken Sie nur an Edison,An Fahrrad, Auto und Grammophon,An Kino, Radio, Röntgenstrahlen,Schon Trambahn, Rohrpost und Salvarsan.All das hat unsere Zeit getan!Und was noch folgt, ist kaum auszumalen.

Wir schreiten weiter von Siegen zu Siegen.Nicht Fortschritt mehr, sondern Fortflug. Wir fliegenEmpor. Wir werden zu höheren FernenSchweben, zum Mars und zu sämtlichen Sternen.Wir werden vielleichtDie alleräußerste PeripherieDes Weltalls erreichen. – –Ich danke Ihnen, das haben SieUnd IhresgleichenDurch Ihr Genie und durch Mut erreicht.“

Die Dame schwieg, und sie fächelteMit ihren Armen, als wollte sie fliegen.

Der Flugplatzleiter lächelte.„Bin oft nach der Sonne zu aufgestiegen“,So sagte er heiter,„Doch zog sie sich immer um jedes StückMeiner erstrebten Annäherung weiterUnd höher zum alten Abstand zurück.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Flugzeuggedanken, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1929
Digitalisat
de.wikisource.org — „Eine Zuschauerin im Flughafen“, Fassung 3.779.319 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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