Einem Kleingiftigen
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
32 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Vielleicht, daß ein UnverstandenesOder ein gar nicht VorhandenesDich verdroß.Und nun möchtest du heimlich erschießenUnd noch den Schrei genießen:„Das war Tells Geschoß!“
Aber ein Pup ist kein Blitz.Du mußt dich schon anders entladen.Du mußt deinen eigenen SchadenRiskieren und Mut verratenOder wenigstens Witz.
War’s aber eine erkannte, bestimmteAngelegenheit, die dich ergrimmte,Etwa was Ungerechtes – – –Ach, wieviel SchlechtesTatest du?!Und klapptest stillschweigend den Deckel zu.
Hau doch in den Kartoffelsalat,Daß die Sauce spritzt.Das ist ein schlechter Soldat,Der Blut erträumtUnd Rache schwitztUnd vor Wut schäumtUnd dabei auf dem Lokus sitzt.
Oder leg’ deinen Zorn, wenn du willst,Als ewas Echtes, wenn auch nicht Stubenreines.An deine eigene Brust, daß du ihn stillst,Wie eine Mutter ihr Kleines.
Nach eines Jahrmarkts letzter NachtIst in wenigen StundenEine ganze Stadt voll blendender ZauberprachtKläglich verschwunden.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 95–96, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Einem Kleingiftigen“, Fassung 3.728.277 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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