Mein Bruder
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Mein Bruder löst immer Probleme.Mein Bruder verfolgt ein Ziel.Mich nennt er eine bequemeSchlawinernatur ohne Stil.
Mein Bruder wohnt – Ehrensache –Und sagt, er habe Niveau.Doch wenn ich darüber lache,Beschimpft er mich: ich sei roh.
Mein Bruder muß Rechnung tragenUnd spricht gern über Kultur.Mich hat er einmal geschlagen,Weil mir dabei was entfuhr.
Mein Bruder haut mich sehr häufig.Er nennt das dann „aus Prinzip“.Solche Worte sind ihm geläufig.Ich hab ihn deshalb so lieb.
Ich würde ihn auch gern mal hauen.Doch er ist leider sehr stark.Nur wenn er Glück hat bei Frauen,Dann schenkt er mir immer zwei Mark.
Ich bin zwar ein saudummes Luder,Meine beiden Beine sind schief.Im übrigen ist mein BruderGar nicht verwandt, sondern stief.
Doch wenn ich „gestiefelter Kater“Ihn nenne, dann schäumt er wie MostUnd schreibt Beschwerden an Vater,Und die trage ich dann zu Post.
Ich trage ihm alle Pakete,die größer sind, als er denkt.Jetzt hat er meine TrompeteHinter meinem Rücken verschenkt.
Ein Bischof hat einen braunenFrack meinem Bruder verehrt.Sie würden überhaupt staunen,Mit wem mein Bruder verkehrt.
Dagegen lebe ich – meint er –Ganu stur wie ein Vieh in den Tag.Manchmal, wo Damen sind, weint er;So einer stirbt mal am Schlag.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 61–62, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Mein Bruder“, Fassung 3.026.800 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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