Der Seriöse
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Wo ich abends Weißwürste fresse,da sitzt oft drei Tische weitVor mir ein Herr von Noblesse,Sehr groß, sehr ernst und sehr breit.
Sein Haar und Bart, seine KleidungSind einwandfrei und gepflegt,Wie er unter steter VermeidungSich einwandfrei sicher bewegt.
Wie ihn die Kellner bedienen,Ist er ein Fürst oder reich.Doch bleibt das Spiel seiner MienenJederzeit würdig und gleich.
Wenn diese würdig seriöseErscheinung vorübergeht,Dann ist mir, als ob mein GekröseIn Hirn und Leib sich verdreht.
Denn, wenn er mit seinen BlickenMich streifte – das fühle ich klar –,Ich würde zusammenknickenUnd nimmer sein, was ich war.
Doch ohne seitwärts zu schauen,Schreitet er durchs Lokal.Seine gerunzelten Brauen –Wie alles an ihm – sind aus Stahl.
Und seine Schritte lenkenSich dahin, wohin man nicht sieht.Ich wage nicht auszudenken,Was er dort etwa vollzieht.
Ach, ich bin klein, ich bin böse.Mein Herz ist auch nicht ganz rein.Ach dürfte ich solche seriösePersönlichkeit einmal sein!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 147–148, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Seriöse“, Fassung 3.444.321 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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