Der letzte Tag des vergangnen Jahrs
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
47 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1929
Ich ging auf AbenteuerDurch finsteres Gassengewirr.Ein Fenster in schiefem Gemäuer.Inseits ein leises GeklirrUnd ein kleines, bläuliches Feuer. –Durchaus ganz geheuer:FeuerzangenBowle. Bin weitergegangen.
Das Eckhaus ist ein Bordell,Die ganze Stadt weiß es.Ich ging ganz langsam, nicht schnell,Wegen des GlatteisesHin und hinein.Da saß unterm Christbaum alleinEin magerer Zuhälter.Er konnte siebzig, auch älter,Er konnte auch Lebegreis sein.
Wir wechselten falsche Namen,Und weil gar keine DamenDa waren, sangen wir traurig ein Lied,Seltsam war die Stimme des Greises.Ich schied,Schlich langsam wegen des Glatteises.Das glättste von allen Wintern,Die je ich erlebt.Kein Sand gestreut.Man geht – sitzt auf dem Hintern,Hat nichts gebrochen – erhebtSich wieder – und sitzt erneut.
Quer übern Weg plötzlich liefEine Katze. Also: ich tratSchnell drei Schritt zurück. Da riefHinter mir „Au!“ ein Marinesoldat.
Wir gestanden als Wasserratten,Was wir zuvor schon getrunken hatten.Wir haben uns an-ahoit.Kein Sand war gestreut.Wir lagen. – Was soll ich lange noch sagen –Liefen, lagen, liefen –.
Und riefenDie Damen herunter, wollten was tun,Wildes, wie Stierkampf oder Taifun.Doch wir entschliefenOhne Weiber unter dem Baum.Der LebezuhälterPfiff rückwärts im Traum.
Der nächste Tag war viel kälter.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Flugzeuggedanken, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der letzte Tag des vergangnen Jahrs“, Fassung 3.780.178 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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