Bohème
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1910
Auch ich bin einst in ihrer Flur gegangenUnd denke gern an jene Zeit zurück.Sie barg in schwarzer Hülle manches Glück,Aus dem mir feine Lebensquellen sprangen.
Auch ihr bleibt Freunde, die heut weltverschollen.Wir haben jedes Wetter einst geteilt;Bergan, talab ist uns die Zeit enteilt; –Will ohne Kann und Können ohne Wollen.
Brodlose Nächte seh ich müd verdämmern,Von kalten Wänden grinst die EinsamkeitUnd wieder fühl ich, wie in jener Zeit,Die Qual der Zweifel in den Adern hämmern.
Verhärmt verschwärmte Mädchenaugen winken.Musik rauscht auf. Bunt formt sich Bild aus Bild. –Könnt ich doch einmal noch so toll und wildIn unbemessner Fülle Leben trinken.
Wohl ist sie leicht, doch wie man sie auch nehme,Sie bleibt gewaltig ohne Wo und Wie.Es liegt doch ein Stück eigne PoesieIn diesem Zauberbanne der Bohème.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 52, 1. Auflage, Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, München, Leipzig, 1910
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Bohème“, Fassung 2.543.234 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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