Ballade
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Tief im Innersten von SachsenÜberfielen eines Abends zweiHalbwüchsige Knorpel von SchweinshaxenEine Bulldogge aus der Walachei.
Sie umzingelten den alten Hund.Hinterlistig wollten sie das matteTier, das keine Zähne mehr im MundUnd auch keine Haare darauf hatte,
An den Augen treffen, hinterherIhm die Zunge schlitzem und durch ZwickenSeinen Gaumen reizen und noch mehr,Um zuletzt ihn plötzlich zu ersticken.
Wollten so. Jedoch es kam nicht so.Denn die Dogge, ohne sich zu wehren,Zog den Schwanz ein, heulte laut und flohUnd begann sofort sich zu vermehren.
Und die neuen jungen Hunde knurrtenSchon am selben Tag, als man sie warf,Hatten spitze Zähne, und sie wurdenGanz speziell auf Haxenknochen scharf.
Und die Enkelhunde bissen späterJede Haxe ohne Unterschied.Und so rächt die Sünde sich der VäterBis ins tausendste und letzte Glied.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 31–32, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ballade (Joachim Ringelnatz)“, Fassung 3.026.727 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.