Zum Inhalt springen
Versbuch

Antwort an einen Gelangweilten

Joachim Ringelnatz · 18831934

25 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1928

Du mußt in LangerweileEs einmal ausprobiern,Mit einer NagelfeileDich zu rasiern.

Du sollst an dem Schicksal nicht mäkeln,Sollst nichts Lebendiges quäln.Aber Hosenspitzen magst du häkelnUnd halblaut bis zweitausend zählen.

Und wenn nach tausendfünfhundert,Sofern du alles recht präpariertHast, plötzlich dein Ofen laut explodiert,Dann zeige dich maßlos verwundert.

Und eilt dann irgend jemand herbeiAus Neugier und um was zu retten,Dann frage: was soll denn das dumme Geschrei?Und schlage ihm ruhig das Hirndach entzweiUnd stopfe ihn still in die Betten.

Entfliehn und leugnen und irretunVermeide, denn das erschöpft sich.Vertiefe dich in den Begriff Immun,Doch sei überzeugt, man köpft dich.

In England leidet man am Strick.In Deutschland unterm BeileGanz sicher keinen AugenblickAn Langeweile.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Allerdings, S. 70–71, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
Digitalisat
de.wikisource.org — „Antwort an einen Gelangweilten“, Fassung 3.026.726 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Joachim Ringelnatz

Alle Gedichte von Joachim Ringelnatz ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.