Wollen Sie ihr nicht vorgestellt seyn?
Heinrich Heine · 1797–1856
29 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1844
II.
„Wollen Sie ihr nicht vorgestellt seyn?“Flüsterte mir die Herzogin. –„Bei Leibe nicht, ich müßt’ ein Held seyn,Ihr Anblick schon wirrt mir den Sinn.“
Das schöne Weib macht mich erbeben!Es ahnet mir, in ihrer Näh’Beginnt für mich ein neues Leben,Mit neuer Lust, mit neuem Weh.
Es hält wie Angst mich von ihr ferne,Es treibt mich Sehnsucht hin zu ihr!Wie meines Schicksals wilde SterneErscheinen diese Augen mir.
Die Stirn ist klar. Doch es gewittertDahinter schon der künft’ge Blitz,Der künft’ge Sturm, der mich erschüttertBis in der Seele tiefsten Sitz.
Der Mund ist fromm. Doch mit EntsetzenUnter den Rosen seh’ ich schonDie Schlangen, die mich einst verletzenMit falschem Kuß, mit süßem Hohn.
Die Sehnsucht treibt. – Ich muß mich näh’renDem holden, unheilschwangern Ort –Schon kann ich ihre Stimme hören –Klingende Flamme ist ihr Wort.
Sie fragt: „Monsieur, wie ist der NameDer Sängerin, die eben sang?“Stotternd antworte ich der Dame:„Hab’ nichts gehört von dem Gesang.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte. Seiten 141-142, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, 1844
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Wollen Sie ihr nicht vorgestellt seyn?“, Fassung 1.089.385 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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