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Versbuch

Nachtgedanken

Heinrich Heine · 17971856

40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1844

Denk ich an Deutschland in der Nacht,Dann bin ich um den Schlaf gebracht,Ich kann nicht mehr die Augen schließen,Und meine heißen Thränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!Seit ich die Mutter nicht gesehnZwölf Jahre sind schon hingegangen;Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.Die alte Frau hat mich behext,Ich denke immer an die alte,Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,Und in den Briefen, die sie schrieb,Seh’ ich wie ihre Hand gezittert,Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.Zwölf lange Jahre floßen hin,Zwölf lange Jahre sind verflossen,Seit ich sie nicht an’s Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,Es ist ein kerngesundes Land,Mit seinen Eichen, seinen Linden,Werd’ ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt’ ich nicht so sehr,Wenn nicht die Mutter dorten wär’;Das Vaterland wird nie verderben,Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab’,So viele sanken dort in’s Grab,Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der ZahlSchwillt immer höher meine Qual,Mir ist als wälzten sich die LeichenAuf meine Brust – Gottlob! sie weichen!

Gottlob! durch meine Fenster brichtFranzösisch heit’res Tageslicht;Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte. Seite 274–276, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1844
Digitalisat
de.wikisource.org — „Nachtgedanken (Heine)“, Fassung 3.812.097 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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