Nacht lag auf meinen Augen
Heinrich Heine · 1797–1856
43 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Blei lag auf meinem Mund,Mit starrem Hirn und HerzenLag ich in Grabesgrund.
Wie lang kann ich nicht sagen,Daß ich geschlafen hab’;Ich wachte auf und hörteWie’s pochte an mein Grab.
„Willst du nicht aufstehn, Heinrich?Der ew’ge Tag bricht an,Die Todten sind erstanden,Die ew’ge Lust begann.“
Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn,Bin ja noch immer blind;Durch Weinen meine AugenGänzlich erloschen sind.
„Ich will dir küssen, Heinrich,Vom Auge fort die Nacht;Die Engel sollst du schauen,Und auch des Himmels Pracht.“
Mein Lieb ich kann nicht aufstehn,Noch blutet’s immerfort,Wo du in’s Herz mir stachestMit einem spitz’gen Wort’.
„Ganz leise leg’ ich, Heinrich,Dir meine Hand auf’s Herz;Dann wird es nicht mehr bluten,Geheilt ist all sein Schmerz.“
Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn,Es blutet auch mein Haupt;Hab’ ja hinein geschossen,Als du mir wurdest geraubt.
„Mit meinen Locken, Heinrich,Stopf’ ich des Hauptes Wund’,Und dräng’ zurück den Blutstrom,Und mache dein Haupt gesund.“
Es bat so sanft, so lieblich,Ich konnt’ nicht widerstehn;Ich wollte mich erheben,Und zu der Liebsten gehn.
Da brachen auf die Wunden,Da stürzt’ mit wilder MachtAus Kopf und Brust der Blutstrom,Und sieh! – ich bin erwacht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Lyrisches Intermezzo, S. 167–169, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Nacht lag auf meinen Augen“, Fassung 3.846.893 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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