Aus einem Briefe
Heinrich Heine · 1797–1856
47 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1844
V.Aus einem Briefe.
(Die Sonne spricht:)Was gehn dich meine Blicke an?Das ist der Sonne gutes Recht,Sie stralt auf den Herrn wie auf den Knecht;Ich strale weil ich nicht anders kann.
Was gehn dich meine Blicke an?Bedenke was deine Pflichten sind,Nimm dir ein Weib und mach ein Kind,Und sey ein deutscher Biedermann.
Ich strale weil ich nicht anders kann.Ich wandle am Himmel wohl auf wohl ab,Aus Langeweile guck’ ich hinab –Was gehn dich meine Blicke an?
(Der Dichter spricht:)Das ist ja eben meine Tugend,Daß ich ertrage deinen Blick,Das Licht der ew’gen Seelenjugend,Blendende Schönheit, Flammenglück!
Jetzt aber fühl’ ich ein ErmattenDer Sehkraft, und es sinken nieder,Wie schwarze Flöre, nächt’ge SchattenAuf meine armen Augenlieder …
(Chor der Affen:)Wir Affen, wir Affen,Wir glotzen und gaffenDie Sonne an,Weil sie es doch nicht währen kann.
(Chor der Frösche:)Im Wasser, im Wasser,Da ist es noch nasserAls auf der Erde,Und ohne BeschwerdeErquickenWir uns an den Sonnenblicken.
(Chor der Maulwürfe:)Was doch die Leute Unsinn schwatzenVon Stralen und von Sonnenblicken!Wir fühlen nur ein warmes Jücken,Und pflegen uns alsdann zu kratzen.
(Ein Glühwurm spricht:)Wie sich die Sonne wichtig macht,Mit ihrer kurzen Tagespracht!So unbescheiden zeig’ ich mich nicht,Und bin doch auch ein großes Licht,In der Nacht, in der Nacht!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte. Seiten 172-174, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, 1844
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Aus einem Briefe (Heine)“, Fassung 5.013.990 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.