Begegnung
Heinrich Heine · 1797–1856
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1844
Wohl unter der Linde erklingt die Musik,Da tanzen die Burschen und Mädel,Da tanzen zwei die niemand kennt,Sie schau’n so schlank und edel.
Sie schweben auf, sie schweben ab,In seltsam fremder Weise,Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,Das Fräulein flüstert leise:
„Mein schöner Junker, auf Eurem HuthSchwangt eine Neckenlilje,Die wächst nur tief in Meeresgrund –Ihr stammt nicht aus Adams Familie.
„Ihr seyd der Wassermann, Ihr wolltVerlocken des Dorfes Schönen.Ich hab’ Euch erkannt, beim ersten Blick,An Euren fischgrätigen Zähnen.“
Sie schweben auf, sie schweben ab,In seltsam fremder Weise,Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,Der Junker flüstert leise:
„Mein schönes Fräulein, sagt mir warumSo eiskalt Eure Hand ist?Sagt mir warum so naß der SaumAn eurem weißen Gewand ist?
„Ich hab’ Euch erkannt, beim ersten Blick,An Eurem spöttischen Knixe –Du bist kein irdisches Menschenkind,Du bist mein Mühmchen die Nixe.“
Die Geigen verstummen, der Tanz ist aus,Es trennen sich höflich die beiden.Sie kennen sich leider viel zu gut,Suchen sich jetzt zu vermeiden.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte. Seiten 209–211, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, 1844
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Begegnung (Heine)“, Fassung 3.807.446 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.