Böses Geträume
Heinrich Heine · 1797–1856
26 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1851
XVII.Böses Geträume.
Im Traume war ich wieder jung und munter –Es war das Landhaus hoch am Bergesrand,Wettlaufend lief ich dort den Pfad hinunter,Wettlaufend mit Ottilien Hand in Hand.
Wie das Persönchen fein formirt! Die süßenMeergrünen Augen zwinkern nixenhaft.Sie steht so fest auf ihren kleinen Füßen,Ein Bild von Zierlichkeit vereint mit Kraft.
Der Ton der Stimme ist so treu und innig,Man glaubt zu schaun bis in der Seele Grund;Und alles was sie spricht ist klug und sinnig;Wie eine Rosenknospe ist der Mund.
Es ist nicht Liebesweh, was mich beschleichet,Ich schwärme nicht, ich bleibe bei Verstand; –Doch wunderbar ihr Wesen mich erweichetUnd heimlich bebend küss’ ich ihre Hand.
Ich glaub’, am Ende brach ich eine Lilie,Die gab ich ihr und sprach ganz laut dabei:Heirathe mich und sei mein Weib, Ottilie,Damit ich fromm wie du und glücklich sei.
Was sie zur Antwort gab, das weiß ich nimmer,Denn ich erwachte jählings – und ich warWieder ein Kranker, der im KrankenzimmerTrostlos daniederliegt seit manchem Jahr. – –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Romanzero. Zweites Buch. Lamentationen. Seite 196–197, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Böses Geträume“, Fassung 3.841.118 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.