Enfant Perdu
Heinrich Heine · 1797–1856
26 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1851
XX.Enfant Perdu.
Verlor’ner Posten in dem Freiheitskriege,Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus.Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege,Ich wußte, nie komm’ ich gesund nach Haus.
Ich wachte Tag und Nacht – Ich konnt’ nicht schlafen,Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar –(Auch hielt das laute Schnarchen dieser BravenMich wach, wenn ich ein Bischen schlummrig war).
In jenen Nächten hat Langweil’ ergriffenMich oft, auch Furcht – (nur Narren fürchten nichts) –Sie zu verscheuchen, hab’ ich dann gepfiffenDie frechen Reime eines Spottgedichts.
Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme,Und nahte irgend ein verdächt’ger Gauch,So schoß ich gut und jagt’ ihm eine warme,Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch.
Mitunter freilich mocht’ es sich ereignen,Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gutZu schießen wußte – ach, ich kann’s nicht läugnen –Die Wunden klaffen – es verströmt mein Blut.
Ein Posten ist vacant! – Die Wunden klaffen –Der Eine fällt, die Andern rücken nach –Doch fall’ ich unbesiegt, und meine WaffenSind nicht gebrochen – Nur mein Herze brach.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Romanzero, Hamburg, Hoffmann und Campe, 1851. Seiten 201–202., Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Enfant Perdu“, Fassung 3.834.428 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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