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Versbuch

Weltweisheit

Frank Wedekind · 18641918

56 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Wir waren Philister und merkten es, wieDie Kräfte des Geistes erschlafften;Da warfen wir uns auf die Philosophie,Die tiefste der Wissenschaften.

Da haben wir gründlich uns eingeprägtDie Sprüche der großen Gelehrten;Und was man im Fleisch und im Blute trägt,Das weiß man dann auch zu verwerten.

Erschöpfe die Stunden, genieße die Zeit,Laß Katzen und Hunde verzagen.Die Reue, den Fluch und die Niedrigkeit,Wir lernten es stoisch ertragen.

Als Stoiker lebten wir über Tag,Kein Staubgeborner stand höher;Doch wenn die Nacht auf den Bergen lag,Dann wurden wir Epikuräer.

So flossen die Jahre der Jugend dahin,Die Schöpfung ein blühender Garten,Mit duftigen Blumen und Mädchen darinVon allen exotischen Arten.

Und wenn uns dann schließlich die Kraft gebricht,Zu frönen unsern Gelüsten,Dann beugen das Haupt wir noch lange nicht,Dann werden wir Pessimisten.

Dann spotten wir über die eitle Welt,Und der Menschheit kleinliches Trachten,Dann lernen wir, was uns zu sauer fällt,Aus tiefster Seele verachten.

Dann hebe die Schwingen, Phantasie,Zu jenen himmlischen Höhen,Zu jenen Gegenden, die noch nieEin sterbliches Auge gesehen.

Dort, wo ein rosiges MorgenrotDen fernen Äther entzündet,Hat sich Frau Eva nach ihrem TodEin neues Eden gegründet.

Es scharrte mein Musengaul vor der Tür,Da bin ich aufgestiegen,Da flog ich, Liebchen, zu dir, zu dir,In deinen Armen zu liegen.

Und als ich mich sonnte in deinem Blick,War Angst und Not verschwunden.Da hab’ ich das irdische LiebesglückWeit süßer als je gefunden.

Das Eis zerschmolz, das Herz ward weitUnd jubelte Frühlingslieder.Und mit der jungen BegehrlichkeitKam die junge Gesundheit wieder.

Laut jauchzt’ ich auf aus voller Brust:O laß mich bei dir bleiben,In deiner unvergänglichen LustAuf ewig mich zu betäuben.

Da kracht der Himmel, die Erde bebtEs donnert die Atmosphäre,Und meine sündige Seele verschwebtIn duftige, luftige Leere.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Weltweisheit“, Fassung 3.779.480 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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