Unterm Apfelbaum
Frank Wedekind · 1864–1918
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Lieschen kletterte flink hinaufBis in die höchsten Äste,Fing in der Schürze die Äpfel aufIhrer Mutter zum Feste.
Ich lag unten, verliebt und faul,Auf dem Rücken im Grase;Mancher Apfel fiel mir ins Maul,Mancher mir auf die Nase.
Jetzt stand Lieschen auf starkem Ast,Schelmisch sah sie hernieder;Ihres Leibes liebliche LastWiegte sich hin und wieder.
Innig umschlungen hielten sichSplitternackt ihre Füße,Taten sich auf und befühlten sich –Winkten mir tausend Grüße.
Durch das Röckchen sandte der TagSeine goldenen Strahlen,Was darunter geborgen lag,Farbenprächtig zu malen.
Schimmernd rings um die weiße HautWob sich gedämpfte Helle;Welcher Meister hat je gebautPrächtiger eine Kapelle.
Kindlich faltet’ ich da die Händ’,Forderte heiß und brünstig:Was kein irdischer Name nennt,Werde dem Sünder günstig.
Sieh, und am nämlichen Abend schon,Tief in die Kissen gebettet,Wurden der kindlichen Bitte zum LohnLeib und Seele gerettet.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Unterm Apfelbaum“, Fassung 3.779.957 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.
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