Camoëns
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
35 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Camoëns, der Musen Liebling,Lag erkrankt im Hospitale.In derselben armen KammerLag ein Schüler aus Coimbra,Ihm des Tages Stunden kürzendMit unendlichem Geplauder.
„Edler Herr und großer Dichter,Was sie melden, ist es Wahrheit?Daß gescheitert eines TagesAm Gestad von CoromandelSei das undankbare Fahrzeug,Das beehrt war, Euch zu tragen?Daß Ihr, kämpfend in der Brandung,Mit der Rechten kühn gerudert,Doch in ausgestreckter Linken,Unerreicht vom Wellenwurfe,Hieltet Eures Liedes Handschrift?Schwer wird solches mir zu glauben.Herr, auch mir, wann ich verliebt bin,Sind Apollo’s Schwestern günstig;Aber ging’ es mir ans Leben,Flattern meine schönsten VerseLieß’ ich wahrlich mit dem Winde,Brauchte meine beiden Arme!“
Antwort gab der Dichter lächelnd:„Solches that ich, Freund, in Wahrheit,Ringend auf dem Meer des Lebens!Wider Bosheit, Neid, VerleumdungKämpft’ ich um des Tages NothdurftMit dem einen dieser Arme.Mit dem andern dieser ArmeHielt ich über Tod und AbgrundIn des Sonnengottes StrahlenMein Gedicht, die Lusiaden,Bis sie wurden, was sie bleiben.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 279–280, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Camoëns“, Fassung 2.085.067 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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