Zum Inhalt springen
Versbuch

„Und alles ohne Liebe“

Theodor Fontane · 18191898

32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Die Mutter spricht: „lieb Else mein,Wozu dies Grämen und Härmen?Man lebt sich in einander ein,Auch ohne viel zu schwärmen;Wie manche nahm schon ihren Mann,Daß sie nicht sitzen bliebe,Und dünkte sich im Himmel dannUnd – alles ohne Liebe.“

Jung-Else hört’s. Sie schloß das Band,Das ewge, am Altare,Und lächelnd nahm des Gatten HandDen Kranz aus ihrem Haare;Ihr war’s, als ob ein glühend RothSich auf die Stirn ihr schriebe,Sie gab ihr Alles, nach Gebot,Und – alles ohne Liebe.

Der Mann ist schlecht; er liebt das SpielUnd guten Trunk nicht minder,Sein Weib zu Hause weint zu vielUnd ewig schrein die Kinder;Spät kommt er heim; er kost, er schlägt,Nachgiebig jedem Triebe,Sie trägt’s wie nur die Liebe trägtUnd – alles ohne Liebe.

Sie wünscht sich oft, es wär vorbei,Wenn nicht die Kinder wären,So aber sucht sie stets aufs neuZum Guten es zu kehren,Sie schmeichelt ihm und ob er dannAuch kalt bei Seit sie schiebe,Sie nennt ihn „ihren liebsten Mann“Und – alles ohne Liebe.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 215–216, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „„Und alles ohne Liebe“ (Fontane)“, Fassung 1.661.179 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Theodor Fontane

Alle Gedichte von Theodor Fontane ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Realismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.