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Versbuch

Der todte Achill

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

49 Zeilen · zuerst gedruckt 1882

Im Vatican vor dem vergilbten Marmorsarg,Dem ringsum bildgeschmückten, träumt’ ich heute lang,Betrachtend seines feinen Zierats üpp’gen Kranz:Thetis entführt den Sohn, den Rufer in der Schlacht,Den Renner, dem die Knie’ erschlafften, welchem schwerDie Lider sanken – von Delphinen rings umtanzt –Im Muschelwagen durch des Meers erregte Fluth.Tritonen, bis zum Schuppengurt umbrandete,Bärt’ge Gesellen, schilfbekränztes, stumpfes Volk,Geberden sich als Pferdelenker. Es bedarfDer muth’gen Rosse Paar, das, Haupt an kühnem Haupt,Die weite Fluth durchrudert mit dem Schlag des Hufs,Des Zügels nicht! In des Peliden Waffen hatSich schäkernd ein leichtsinniges Gesind getheilt:Die Nereiden. Eine hebt das Schwert und zieht’sUnd lacht und haut und sticht und wundet Licht und Luft.Ein schlankes Mädchen zielt mit rückgebognem Arm,In schwach geballter Faust den unbesiegten Speer,Der auf und nieder, wie der Wage Balken, schwankt.Die dritte schiebt der blanken Schulter feinen BugDem Erzschild unter, ganz als zöge sie zu Feld,Dann deckt damit den sanften Busen gaukelnd sie,Als schirmt’ das Eisen eines Kriegers tapf’re Brust.Die vierte – Held, du zürntest, schlummertest du nicht! –Setzt jubelnd sich den Helm, den wildumflatterten,Auf das gedankenlose Haupt und nickt damit.Scherzt, Kinder! Nur mit dir ein Wort, Vollendeter!(Denn mit der Mutter, die dein schlummerschweres HauptIm Schooß gebettet hält, der dir das Leben gab,Der schmerzversunknen Mutter, plaudert es sich nicht.)Pelide, sprich! Was ist der Tod? Wohin die Fahrt?Wozu die Waffen? Zu erneutem Lauf und Kampf?In deines Grabes Schmuck und düstern Ehren nur?Was blitzt auf deinem Schwerte? Deine letzte That,Verglimmend, wie der Abend eines heißen Schlachtentags?Die Morgensonnen eines neuen Kampfgefilds?Bedarfst du deines Schwertes noch, du Schlummernder?Wohin der Lauf? Zum Hades? Nein, es lügt Homer.Den Odem neiden einem kleinen AckerknechtSieht nicht dir ähnlich, Heros! Eher fährstDu einer Geisterinsel bleichem Frieden zuUnd trägst den Myrtenkranz, beseligt und gestillt,Mit den Geweihten! Doch auch solches ziemt dir nicht!Was einzig dir geziemt, ist Kampf und Kampfespreis –Pelide! ein Erwachen schwebt vor deinem BootUnd schimmert unter deinem mächt’gen Augenlid!Du lebst, Achill? Gieb Antwort! Wohin wanderst du?Er schweigt! Er schweigt. Der Wagen rollt. Ein Triton blästSein Muschelhorn, daß leis und dumpf der Marmor schallt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 129-130, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der todte Achill“, Fassung 3.449.411 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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