Neujahr 1871
Theodor Fontane · 1819–1898
32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Das alte Jahr, – vom Thurm hat’s ausgeklungen,Aufhorcht im Traum der Dohlen dunkle Schaar,Und klirrend sind die Pforten aufgesprungen(Wie Waffen klirrn) von einem neuen Jahr;Ein Trennungsschnitt ist wieder eingedrungenIn das was sein wird und in das was war,Und eh’ wir Wunsch und Bitte vorwärts schicken,Was läg’ uns näher als zurückzublicken.
In welch’ ein Jahr! Es ruht das stille Schaffen,Der Dinge schönes Gleichmaß ist gestört,Vom Rhein zum Niemen klingt es: „zu den Waffen!Das Unrecht schreit, die Schmach ist unerhört;“ –Und bis zu dieser Stunde kein ErschlaffenSeit jenem Tag von Weißenburg und Wörth,In jedem Kampf aufs Neue ruhmbereichert,Was ward seit Spichern alles aufgespeichert!
Dreimal vor Metz, in ungeheurem Ringen,Auf, ab die Mosel fing das Ernten an,Bis an der Maas in eisernem UmschlingenDeutschland den Ehr- und Erntekranz gewann;An dieses Kranzes blut’gen Aehren hingenArmeeen: dreimalhunderttausend Mann,Gefangen all’! Ein Kaiser ging verloren,Ein andrer: (Kaiser Weißbart) ward geboren.
Das alte Jahr in Kampf und Muth und StrebenHat’s uns gefeit, gewappnet und gestählt,Du neues Jahr, o woll’ auch das noch geben,Das Eine noch, das uns allein noch fehlt:Laß jenen Oelzweig zu uns niederschweben,Auf den ein jedes Herz jetzt hofft und zählt,Zu allem, was das alte Jahr beschieden,Du neues Jahr, o gieb uns Frieden, Frieden!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 341–342, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Neujahr 1871“, Fassung 1.718.009 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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