Der Kamerad
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
31 Zeilen · zuerst gedruckt 1882
Mit dem Tode schloß ich Kameradschaft.Ueber einem vollen Humpen saßenOft wir nächtens und philosophirten.Auch zusammen gingen wir spaziren,Lauschten mit elegischen GefühlenNach dem Pilgerruf der Abendglocke.Aber männlich auch an meiner SeiteStand der Kamerad und secundirte,Oder wann ich im Gebirg verirrt war,Hangend über schwindelnd tiefem Abgrund,Sprach er: Blick mir in das Auge ruhigUnd ich that es und ich war gerettet –Lange standen wir auf gutem Fuße,Bis mich volles Leben überströmteGlühend warm mit unbekannter Fülle,Und mir schauderte vor meinem Freunde …Als das Liebchen heute mir am Hals hing,Ueber seine Schulter weg erblickt’ ichMeines Kameraden leichten UmrißAuf dem Abendhimmel und er grollte:„Bin ich dir verleidet? Deine feigenLippen meiden meinen schlichten Namen?Ist das hübsch von einem Kameraden?“In demselben Augenblick umarmteLiebchen mich und rief: „So möcht’ ich sterben!Komme, Tod, und raub’ mich, Tod, im Kusse!“Und der Tod, von schwellend jungen LippenHeiß und leidenschaftlich angerufen,Hörte seinen Namen mit Vergnügen.Ueber sein geheimnißvolles AntlitzGlitt ein Leuchten und er schied in Minne.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 158f., 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Kamerad“, Fassung 4.468.142 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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