Der Landgraf
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
48 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Mir sitzt zu Hause jung gezähmtUnd leicht gelähmtEin Steinaar im Verließe,Der martert sich den Hals zu drehn,Ins Blau zu sehn,Aus dem er gerne stieße.
So streck’ ich Landgraf ebenfallsDen Kopf und HalsWohl durch das Kerkergitter,Ob etwas auf der Straße ziehtFür mein Gemüt,Ein Schüler oder Ritter.
Der Kaiser, der vergichtet ist,Drum gerne mißtDie Kost der harschen Lüfte,Vergaß wie schwer ein ganzer MannEntrathen kannDas Jagdhorn an der Hüfte.
Ich wurde hinterrücks gefällt,Ein Netz gestelltWard mir mit falschen Schriften!Wer mir mit lächelndem GesichtDie Treue bricht,Der kann mich auch vergiften!
Wär’ ich ein römisch blöder Mann,Ich wähnte dann:Damit hätt’ ich’s verbrochen,Daß triumphirend ich hinausZum GotteshausSchmiß Mühmchen Lisbeths Knochen!
Jüngst warf ich auf den FestungsrainEin StüberleinDem Bettler hin, dem lahmen:Den schlug der Spanier bis aufs Blut –Mich fraß die Wuth –Der Teufel hol’ ihn! Amen!
Wohl läg’ ich besser auf dem Feld –„Ade, du Welt!“ –Gewundet und erstochen!Wie Meister Ulrich Zwingli lag,Am grünen Hag,Den hellen Blick gebrochen!
Nur tröstet mich das Eine doch:Das päpstlich JochIst in den Dreck getreten!Wir dürfen ohne CleriseiUnd HeucheleiGetrost zum Herrgott beten!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 305–306, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Landgraf“, Fassung 3.435.618 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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