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Versbuch

Bertram’s Todtengesang

Theodor Fontane · 18191898

36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Sie schossen ihn todt um Mitternacht,Wo das Steinkreuz ragt empor,Und sie ließen ihn liegen in seinem BlutAuf dem einsamen Haidemoor.

Sie ritten zu ihres Vaters HausUnd sprachen: „es ist geschehn:Unsre Schwester, die zu oft ihn sah,Soll ihn nicht wieder sehn.“

Am andern Morgen aber zurückRitten sie zu der Stell’,Und sie machten von Zweigen die TodtenbahrUnd trugen ihn in die Kapell’.

Ihre Schwester harrte des Zuges schon,Sie zerriß ihr langes Kleid,Ihre gelben Locken löste sie aufUnd kniete an Bertrams Seit’.

Sie holte geweihtes Wasser herbeiUnd wusch ihm die Wunden rein,Einen Kranz um die Brust, einen Kranz in’s Haar –„Nun, sprach sie, mag es sein!“

Sie hüllten ihn ein in schneeweiß LeinUnd trugen ihn dann zur Ruh,Die Mönche sangen die Todtenmess’Und Litaneien dazu.

Sie trugen ihn fort an den alten Ort,Die Nacht war still und bang;Es fiel der Thau, der Nebel zogDas Haidemoor entlang.

Sie gruben sein Grab zwei Fuß tief nur,Wo das Kreuz gen Osten schaut,Und sie deckten ihn zu mit Ginstergestrüpp,Und mit Moos und mit Farrenkraut.

Der Mönche einer stand am GrabUnd betete bis es getagt;Und in der Kapelle singen sieSo lange das Steinkreuz ragt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 387–388, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Bertram’s Todtengesang“, Fassung 1.760.984 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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